3. Januar 2009

“Eier, wir brauchen Eier”

geschrieben von Martin um 14:06 Uhr – abgelegt unter: Winterpause – Stichwörter: , , ,

Oliver Kahn prägte einst diesen Spruch und was er damit meinte, ist klar. Beim VfL Bochum ging es in den letzten Tagen doch sehr beschaulich zu, zu beschaulich für den Geschmack vieler ob der prekären Lage. Nach der desaströsen Hinrunde kündigte Sportvorstand Thomas Ernst an, dass nun alles auf den Prüfstand müsse, auch der Trainer. Diese interne Überprüfung dauerte dann allerdings auch gar nicht mal so lange und herausgekommen ist, dass man einfach so weiter macht wie bisher, Marcel Koller wird’s schon richten. Schließlich erreicht er die Mannschaft noch und werde zurücktreten, wenn dem nicht mehr so wäre. Solche Worte sorgen Bochum regelmäßig für ein Déjà-vu-Erlebnis, ich sag nur: Peterle!

Auch in Sachen Neuverpflichtungen verhielt man sich in Bochum – nun, ja – eher konservativ. Während die Konkurrenten fleißig beim Personal nachbessern, eiert man beim Familienclub mit dem tollen Stadioncenter noch mit der Verpflichtung von Diego Klimowicz herum. Wohlgemerkt, gestern war Trainigsauftakt, es wäre ja vielleicht schon sinnvoll, in voller Besetzung beginnen zu können. Davon abgesehen gibt es im Kader durchaus noch andere Baustellen, im Sturm ist man (zumindest nominell) gar nicht so übel besetzt. Nicht, dass ich falsch verstanden werde, von blindem Aktionismus halt ich überhaupt nichts, für die Außendarstellung wäre es aber schon sinnvoll, es nicht so aussehen zu lassen, als wäre man in Totenstarre gefallen.

In Bochum setzt man auch gerne auf die Trumpfkarte “Harmonie”. Ich glaube, nirgendwo in Deutschland sitzt ein Trainer in Krisenzeiten sicherer im Sattel als hier und Treuebekundungen aus der Führungsetage bedeuten auch nicht, dass am nächsten Tag die Trennung “im beiderseitigen Einvernehmen” verkündet wird.

Nun ist in Bochum allerdings nicht alles Friede, Freude, Eierkuchen, wie gerne vermittelt wird. Für das letzte Hinrundenspiel wurde Vahid Hashemian suspendiert, weil er sich in der Zeitung mit den vier großen Buchstaben (!) unzufrieden über seine derzeitige Situation geäußert hat („Das hatte ich mir alles anders vorgestellt! Ich bin nach Bochum gekommen, um dem VfL zu helfen.”). Nun hat Marcel Koller wieder zugeschlagen und Mannschaftskapitän Thomas Zdebel in die zweite Mannschaft strafversetzt. Und nicht nur für ein Spiel, sondern “bis auf Weiteres”. Im Klartext heißt das, er kann sich einen neuen Verein suchen.

Was war passiert? Der kicker zitiert Marcel Koller folgendermaßen: “Wir hatten nicht den Eindruck, dass Thomas den Weg mitgehen will, den wir vorgeben”. Auch Thomas Ernst kommt zu Wort: “Wir sind immer für offene Worte zu haben, aber mann kann nicht einfach sagen, dass der Trainer weg muss.” Allerdings scheint die interne Kommunation wieder einmal eine andere zu sein als die externe. Thomas Zdebel wird bei DerWesten.de so zitiert: “Mir hat man mitgeteilt, diese Entscheidung habe ausschließlich sportliche Gründe und ich passe nicht mehr ins Anforderungsprofil des Trainers”.

Wohlgemerkt, Zdebel scheint intern geäußert zu haben, dass Marcel Koller in der derzeitigen Situation nicht der richtige Trainer ist, um den drohenden Abstieg zu verhindern. Man könnte sagen, er hätte Eier gezeigt. Doch was könnten seine Beweggründe dafür sein? Halten wir mal fest:

  • Thomas Zdebel hat sich immer als korrekter Profi präsentiert, der sich vor die Mannschaft stellt, Verantwortung übernimmt und trotz limitierter spielerischer Fähigkeiten immer eine einwandfreie kämpferische Leistung zeigt
  • er ist jetzt 35 und wird selbstkritisch genug sein, festzustellen, dass er seinen Zenit überschritten hat und mittlerweile fast zu langsam für die Bundesliga ist, sprich, nach der nächsten Saison müsste spätestens Schluss sein
  • Zdebel hat seinen Vertrag in Bochum während des Abstiegskampfs vorzeitig trotz vorliegender guter Angebote verlängert, um ein Zeichen zu setzen
  • mit dieser Aktion setzt er einen durchaus möglichen Anschlussvertrag im Verein aufs Spiel, er hätte also gut und gerne einfach die Klappe halten können
  • als er am Anfang der Saison nur auf der Bank saß, hat er die Entscheidung des Trainers akzeptiert und nicht den Stinkstiefel gespielt

Dazu kommt, dass er diese Aktion nicht im Alleingang gestartet haben wird und sich durchaus bewusst war, welche Konsequenzen drohen. Daher ist es jetzt an der Zeit, dass die Mannschaft ebenfalls Eier zeigt und sich hinter ihren Kapitän stellt. Zumindest die Spieler, die seiner Meinung sind. Von Harmonie ist nichts zu sehen und offensichtlich stimmt es innerhalb der Mannschaft auch nicht mehr. Ich habe das dumme Gefühl, dass Marcel Koller mehr verbrannte Erde hinterlassen wird als Peter Neuruer. Ich halte Marcel Koller weiterhin für einen guten Strategen und Taktiker, Führungsqualitäten hat er leider keine. Und die gehören zu einem guten Trainer dazu.

Wie mit mündigen Angestellen umgegangen wird, durfte ja auch schon Stefan Kuntz erfahren. Vielleicht kann man dort Thomas Zdebel noch gebrauchen. Wundern würde mich das nicht.

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