24. Januar 2010

Heiko, der Prophet

geschrieben von Martin um 17:32 Uhr – abgelegt unter: VfL Bochum

Nee, watt schön. Gefühlter Sieg würde ich sagen, oder? Über verdient oder nicht hüllen wir an dieser Stelle mal lieber den Mantel des Schweigens. Aber mal von Anfang an.

Schalke machte von Anfang an Druck und spielte ein astreines Pressing, mit dem der VfL zumindest in der ersten Hälfte nie klar kam. Dazu versuchten sie es konsequent über außen und setzten Fuchs, der eh seine Stärken eher in der Offensive hat, und Concha, der mit Sanchez überhaupt nicht klar kam, massiv unter Druck. Folgerichtig war es dann auch Sanchez, der nach fünf Minuten das 0:1 erzielte, nachdem sich Farfan auf rechts durchgesetzt hatte und die ganze Bochumer Hintermannschaft inklusive Torwart Heerwagen gedanklich noch in der Kabine war. Ich hatte schon die Schnauze voll und der VfL fiel wieder in alte Verhaltensschemata zurück. Im Klartext: der “Spielaufbau” bestand darin, aus der Abwehr Sören-Colding-Gedächtniss-Pässe nach vorne zu pöhlen. Doch da stand kein Vratislav Lokvenc, sondern die Kopfballungeheuer Sestak und Epallé standen den kleinwüchsigen Bordon und Höwedes gegenüber. Überflüssig zu erwähnen, wer die Duelle mit hübscher Regelmäßigkeit gewann. Die einzige Torchance bestand aus einem Pfostenschuss von Prokoph, der aus spitzenstem Winkel aus purer Verzweifelung einfach mal abzog.

Zum “psychologisch ungünstigen Zeitpunkt” (zwei Euro ins Phrasenschwein dafür) drückte dann Kevin Kuranyi den Ball zum 0:2 über die Linie, nachdem Moritz sich im Mittelfeld gegen Mavraj durchgesetzt hat. Ob Foul oder nicht ist auch erstmal egal, Sportskamerad Mavraj hat einfach nicht protestierend auf dem Boden liegen zu bleiben.

In der Halbzeit hat Heiko Herrlich dann nicht nur eine Ansprache gehalten, die sich gewaschen hatte, sondern auch Matias Concha den Doppelknoten aus den Beinen entfernt, den Sanchez ihm da reingespielt hat. Zumindet fand er unfallfrei seinen Platz auf der rechten Verteidigerposition wieder. Und war man unter Marcel Koller daran gewöhnt, dass die erste Auswechslung unabhängig vom Spielstand erst in der 80. Spielminute stattfand, wechselte Herrlich gleich doppelt und brachte Azaouagh und Freier für Prokoph und Dedic. Und jener Freier hatte in den ersten fünf Minuten der zweiten Hälfte mehr Offensivaktionen als die gesamte Mannschaft vor dem Wechsel.

Und plötzlich fand der VfL wieder ins Spiel, Schalke schaltete einen Gang zurück, wollte das 0:2 wohl verwalten. Neuzugang Maric, der mir in ziemlich gut gefiel, forderte immer wieder den Ball und verteilte in clever, die zwingenden Torchancen blieben aber aus. In der 55. Minute hätte Kuranyi dann das 0:3 erzielen müssen, nachdem Mavraj, der – man ahnt es schon – heute nicht seinen besten Tag erwischt hatte, im Strafraum einfach mal das Luftloch vergrößerte, das Edu gegen Lüttich dort hinterlassen hatte. Später mehr dazu.

Unverständlicher Weise nahm Magath dann Sanchez aus dem Spiel, die Steine, die Concha vom Herzen gefallen sind, waren kilometerweit zu hören. Und dann, in der 72. Spielminute, wechselte Heiko Herrlich Hashemian für Epallé ein und prophezeite ihm, dass er ein Tor selber schießen und eines vorbereiten werde. Und er sollte Recht behalten. Aber der Reihe nach. Nach Ecke Maric steht Hashemian im Fünfmeterraum mutterseelenallein und dann den Ball zum Anschlusstreffer in die Maschen hauen. Und dann kam Edu. Verursacher des großen Bochumer Kollektivtraumas (wer nicht weiß, worum es geht, möge eine Suchmaschine der Wahl mit den Stichworten “Bochum”, “Lüttich” und “Edu” füttern) kam ins Spiel. Auf meiner Taktiktafel stellte ich ihn voodoomäßig selbstverständlich in die Abwehr, in der verzweifelten Hoffnung, es würde etwas nützen. Felix Magath tat mir leider nicht den Gefallen und beorderte ihn nach vorne, wo er allerdings seine einzige Torchance vertändelte.

Und dann erfüllte sich der zweite Teil der herrlichen Prophezeiung. In der 92. Minute spielt Paul Freier lang auf Hashemian, der lässt Publikumsliebling Rafinha ganz alt aussehen und flankt butterweich in den Strafraum, wo Stani Sestak hochsteigt und unbedrängt den Ball per Kopf in die Maschen wuchtet. Der Rest ist nur noch Jubel, Jubel und Jubel.

Ich lege mich mal fest, wer so ein Spiel umdreht, steigt nicht ab. Und wer so ein Spiel noch aus der Hand gibt, wird auch nicht deutscher Meister. So macht der VfL seit langer Zeit wieder Spaß, seit Heiko Herrlich das Zepter in der Hand hält, stimmt es in der Mannschaft wieder, die Mannschaft ist konditionell wieder auf der Höhe und es wird wieder mit Leidenschaft Fußball gespielt.

Der Trick, Vahid Hashemian vorzusagen, was er zu tun hat, war einfach nur genial. Für das nächste Spiel in Berlin wünsche ich mir aber auch, dass Heiko Herrlich den Außenverteidigern mal sagt, dass sie ruhig verteidigen dürfen.

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